Horst Köhler war ein guter Bundespräsident. Er hat einen schwierigen Spagat besser gemeistert, als viele seiner Vorgänger: Er war als höchster Repräsentant des Staates volksnah ohne anbiedernd zu sein. Er hat die Interessen der Bürger gegenüber der Politik benannt, sei es in der berechtigten Kritik an kurzfristigem Denken bei Entscheidungen, sei es in den Mahnungen während der Finanzkrise. Er hat aber auch die oft unpopulären Verpflichtungen und Interessen des Staates benannt, zuletzt in dem Interview mit dem Deutschlandradio, das zu seinem Rücktritt führte.
Er hat die Kontrollfunktion des Amtes wahrgenommen und ist doch nicht in opportunistische Opposition zu “denen da oben” gegangen. Er stand deutlich und erkennbar für die Werte einer freiheitlichen Gesellschaft, die durch das christliche Menschenbild geprägt ist. Weit mutiger als es das langjährige Synoden-Mitglied Johannes Rau gewagt hat, hat Horst Köhler Flagge für die wertstiftende Institution Kirche gezeigt.
Sein Rücktritt war nicht geschickt inszeniert. Er wirkte beleidigt und das wäre kein angemessener Rücktrittsgrund für einen Bundespräsidenten. Aber Fahnenflucht ist ihm nicht vorzuwerfen, er hat nicht die Arbeit verweigert und sich aus dem Amt geschlichen (das kann man eher Roland Koch vorwerfen).
Nein, richtig ist: Horst Köhler hat erkannt, dass die Regierung und die Opposition ihre Unfähigkeit, die schwere wirtschaftliche Krise zu bewältigen, nicht eingestehen konnten. Dieses Eingeständnis würde die Lebenslüge der deutschen Gesellschaft aufdecken: Dass wir nicht besser sind, als die Griechen, dass Wahlen bei uns auch nur und noch immer auf Kosten der jungen Generation gewonnen werden können. Dass es keine Auseinandersetzung um der Sache willen, sondern um des Profilierens willen gibt. Beispiele lassen sich dafür viele anführen, zu letzt das unsägliche Verhalten der CSU dem Bundesgesundheitsminister gegenüber.
Horst Köhler ist in der zweiten Amtszeit keineswegs schwächer geworden – die ertappten Politiker haben ihn einfach ins Leere laufen lassen oder versucht, ihn parteipolitisch zu vereinnahmen: Die Opposition hat ihn hochgehalten, wenn er die Regierung gescholten hat und hat auf ihn eingedroschen, wenn er etwas ihr nicht genehmes gesagt hat. Die Regierung hat längst nicht mehr gewagt für ihn Position zu beziehen, denn Positionen verengen Handlungsspielräume – für eine rein taktisch agierende Regierung eine Unmöglichkeit.
In dieser Situation musste der Bundespräsident sich entscheiden: Im Amt wäre ihm nur der Rückzug auf allgemeingültige Weltverbesserungs-Reden geblieben, wie sie Richard von Weizäcker in Perfektion beherrschte, um wieder in Politik Gehör zu finden. Oder der konsequente Angriff auf “das Establishment”, das ihm dann sein hohes Ansehen in der Bevölkerung erhalten und sogar vermehrt hätte.
Doch beides ist nicht sein Stil. Horst Köhler war ein Bundespräsident mit Charakter, der in der Lage ist, auch Abstufungen zwischen Schwarz und Weiß zu beschreiben. Das passt weder in die aktuelle Politik, noch passt es in die mediale Landschaft. Ein Rücktritt ist dann keine schöne Entscheidung, aber es ist eine Lösung, kein Schleichen aus der Verantwortung. Ein Ehrensold ist das Mindeste, das dieser Bundespräsident verdient hat.