Die Emanzipation ist gescheitert. Ich habe es gestern beim Einkaufen erkannt. Auf der Suche nach einem mir passenden Polohemd bin ich in einen “Street- und Fashionwear”-Laden geraten. Neben coolen Cappies und zerfetzten Jeans lag die neue T-Shirt Kollektion aus. Vorn auf dem Tisch für Frauen, weiter hinten für Männer. Das angeblich sensiblere Geschlecht hat die Wahl: Es kann sich selbst als “Amateur-Pornstar”, “Pervert-Pornstar” bzw. “Licking-Lesbo” bezeichnen oder mit grellen Buchstaben darauf hinweisen, dass “it is not going to suck itself”. Als interessierter Mann könnte man in Zukunft bei einer Frau lesen, dass bei ihr gerade Tag der offenen Tür ist, sie wiederum könnte sich über ein Jobangebot freuen, dass er als “Boop-Patrol” offeriert.
Schon vor gut einem Jahr hatte Theresa Bäuerlein in der “Emma” eindrücklich beschrieben, wie sich durch neue, sehr erfolgreiche Hiphop-Bands frauenfeindliches und sexistisches Gedankengut in der Jugendkultur etabliert. Die Frauen in dieser Jugendkultur scheinen sich mit dem zugewiesenen Rollenbild abgefunden zu haben. Denn die Nachfrage nach solchen “frechen T-Shirts” (Eigenwerbung des Ladens), wie den oben beschrieben, ist da. Trotz des happigen Preises von 25 Euro gab es von einigen Motiven nur noch das Ausstellungsstück im Laden.
Dass dies nicht nur ein netter Spaß auf dem Hemd, nicht nur “gute” Musik, deren Text nicht ernst genommen wird, ist, wird mir immer wieder von befreundeten Lehrerinnen an Haupt- und Berufsschulen erzählt. Die Schüler seien enthemmt, ordinär und oft extrem anzüglich. Verständnis, dass man als Lehrerin nicht in einer Klasse voller Playmate-Postern unterrichten möchte, gibt es wenig – auch nicht von den männlichen Kollegen. Man wird als Emanze oder Feministin abgestempelt. Clara Völkers, Gründerin von femalehiphop.net, hat wohl Recht, wenn sie über den Gangsta-Rap aus Deutschland urteilt: „HipHop an sich ist nicht sexistischer als andere Arten von Pop-Musik. Er ist so sexistisch wie die Gesellschaft, die er spiegelt, und in der die Menschen, die ihn produzieren, aufwachsen.“
Zu einer freien Gesellschaft gehört, dass sich jeder, der will, als “Bitch” outen kann. Vermutlich gibt es sogar ein Recht auf Niveaulosigkeit. Doch verlieren wir auf lange Sicht Freiheit, wenn das Selbstbekenntnis die Flucht in eine unterdrückte Rolle beinhaltet. Es kann also nicht um Bevormundung gehen, wohl aber um Aufklärung und Vorbilder. Dabei eignen sich die “MitgliederInnen”-SchreiberInnen wenig. Mit den krampfhaften Versuchen, Diskrimminierung zu bekämpfen, wo keine ist, mit der Verwechslung von Gleichwertigkeit und Gleichartigkeit, haben sie die neue sexistische Unterordnung der Frau eher beflügelt als bekämpft. Doch ohne Gleichberechtigung und ohne Erkenntnis auch eigener Würde verliert eine Gesellschaft nicht nur an Niveau, scheitert nicht nur die Emanzipation, sondern letztlich eine freiheitliche Gesellschaftsordnung.