Strafe muss sein!

“Strafe muss sein!” meint der Volksmund, doch er begründet es nicht. Das mag auch überflüssig erscheinen: Zu offensichtlich, zu vielfältig sind ja die Argumente. Im aktuellen Streit, welches Strafmaß für jugendliche Kriminelle angemessen sei, werden einige davon immer wieder genannt: Zum einen sollen Strafen andere Menschen davon abhalten, auch Unrecht zu begehen. Und zum anderen sollen Strafen dem Übeltäter die Lust an weiteren Verbrechen nehmen. Das sind gewiss ernst zu nehmende Ziele. Ich glaube aber, sie reichen nicht aus, um Strafen zu begründen.

Unter den vielen Aspekten der Strafe ist mir eine Überlegung besonders wichtig: Nach dem christlichen Menschenbild muss zwischen dem Täter und seiner Tat unterschieden werden. Ein Gericht spricht ein Urteil über das begangene Verbrechen, aber es kann kein Urteil über den Menschen sprechen. Diese Unterscheidung gibt dem Verurteilten überhaupt die Möglichkeit, seine Strafe zu akzeptieren. Er muss wissen: Ich habe etwas getan, was ich nicht hätte tun dürfen. Und er muss wissen: Wenn ich meine Strafe abgeleistet habe, dann gibt es für mich einen Neuanfang. Meine Strafe ist der Weg zur Versöhnung. Ich bin schuldig gesprochen worden, aber dann bin ich wieder frei von dieser Schuld.

So fordert die Strafe nicht nur den Verbrecher, sie fordert auch uns. Durch sie soll der Mensch, der ein Verbrechen begangen hat, zurück in die Gemeinschaft geführt werden.

Eine Strafe ist deshalb keine Rache: Eine unangemessen harte Strafe würde dazu verkommen. Eine Strafe schützt aber auch davor, leichtfertig ein Unrecht zu entschuldigen. Der Volksmund behält also Recht: Strafe muss sein, – wenn ihr Ziel Versöhnung ist.

(Am vergangenen Wochenende das Wort zum Sonntag in den Lübecker Nachrichten.)

2 Kommentare zu “Strafe muss sein!”

  1. Spruance sagt:

    Hm. Ich glaube, eine Strafe hat noch eine dritte Funktion: Sie soll dafür sorgen, daß der Nichttäter besser gestellt ist als der Täter. In einer Gesellschaft, in der der moralische Konsens immer ungewisser ist, wird dieser Aspekt immer wichtiger.

  2. Afime sagt:

    Ich würde dies auch unter den Punkt “Abschreckung” fassen, d.h. die beiden erst genannten Punkte.

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