Der Arzt entschuldigte sich: Er wüsste, dass ich sehr lange hätte warten müssen. Aber er könne mich nicht vor den anderen Patienten aufrufen. Wenn mich das stören würde, könnte ich beim nächsten mal an der Anmeldung darauf kurz hinweisen, dann könne ich über die Feuertreppe ins Sprechzimmer.
Ich hatte mich nicht beschwert, ich stand nicht unter Zeitdruck, die Zeitungen im Wartezimmer waren interessant. Der Arzt fürchtete offensichtlich, mich, einen Privatpatienten, zu verlieren.
Eine so skurrile Erfahrung habe ich bisher nur einmal gemacht. Dass mir am Telefon frühere Termine angeboten werden, nachdem ich gefragt wurde, ob ich privat versichert sei, das erlebe ich aber regelmäßig – und ich finde es verständlich: Wenn ein Arzt an mir bis zu viermal so viel verdient, wie an einem gesetzlich versicherten, wenn durch meine Behandlung die Behandlung von zwei oder drei Kassenpatienten finanziert wird, dann muss ein Arzt doch den Privatpatienten bevorzugen.
Es ist daher verlogen, wenn nun Entsetzen über diese Ungleichbehandlung geäußert wird.
Eine individuelle Betreuung im Krankenhaus durch Ärzte und Pfleger kostet viel Geld. Die neuesten Entwicklungen der Medizintechnik und Pharmazie kosten viel Geld. Finanziert kann dies doch nur werden, wenn irgendjemand dafür bezahlt. Die neueste Technik der S-Klasse zum Preis vom Corsa erwartet auch niemand.
Es muss also zugegeben werden: Der Fortschritt der Medizin macht sie auch teurer. Und wenn Gesundheit wirklich das höchste Gut für die meisten Menschen ist, muss ihnen auch zugemutet werden, dafür mehr zu bezahlen.
Wenn das zu keiner Zweiklassen-Medizin führen soll, müssen die, die sich diese steigenden Kosten wirklich nicht mehr leisten können, bezuschusst werden.
Und der erste Schritt: Auch gesetzlich Versicherte müssen eine Rechnung bekommen. Damit der Versicherte überhaupt weiß, was er seine Versicherung kostet.
Tags: Gesetzlich versichert, Kosten, Krankenkassen, Medizin, Privat versichert


Das Motiv des Arztes, einen privat versicherten Patienten zu bevorzugen, ist doch aber vermutlich der von Dir angesprochene höhere finanzielle Verdienst, und nicht die hieraus sich ergebende Konsequenz der Finanzierung von Dienstleistungen an Kassenpatienten.
Und über dieses Motiv bin ich durchaus entsetzt.
Übrigens gibt es in Wien Ärzte, die Patienten aller Kassen behandeln und solche, die ausschließlich privat versicherte Patienten annehmen.
“wenn durch meine Behandlung die Behandlung von zwei oder drei Kassenpatienten finanziert wird, “
Sorry, das wird von der Ärztelobby gerne behauptet, kann aber für die überwiegende Mehrzahl der Praxen nicht stimmen. Sonst wäre nämlich das einzig vernünftige, die Kassenzulassung zurückzugeben und nur noch privat zu behandeln. Jetzt schau’ Dich mal in den Städten um: Das machen nur ganz, ganz wenige Ärzte, deren Praxis räumlich geeignet liegt und/oder die einen exzellenten fachlichen Ruf haben.
Die Masse der Praxen ist auf Kassenpatienten angewiesen. Privatpatienten bringen zwar pro Behandlung und pro Zeiteinheit mehr Ertrag, sind aber zahlenmäßig nicht genug, um eine Durchschnittspraxis über Wasser zu halten.
Die Idee mit der Rechnung für Kassenpatienten macht aber nur dann Sinn, wenn si nicht dazu führt, dass sich Kassenpatienten zum Ziel setzen nun die Kohle ihrer Kasse richtig rauszuhauen.
Der Vergleich der S-Klasse mit einem (klasse) Corsa, entfaltet vor allem da seinen Sinn, wo teure Entwicklungen durch die hohen Gewinne bei Privatpatienten erst wirtschaftlich werden und der technische Fortschritt dann auch für Kassenpatienten genutzt werden kann.
So funktioniert Umverteilung in der Marktwirtschaft.
Höhere Verdienste nicht als Anreizsystem zu nutzen ist übrigens nicht wirklich klever.
Wie Nuhr gestern so schön bei Kener sagte: Kommunistische Systeme brauchen Mauern, weil sonst alle die, die mehr verdienen könnten, einfach weggehen.
@ Manon: Das gibts in Deutschland auch, ich glaube aber, dass es bei den meisten Ärzten, die nur Privatpatienten nehmen an der Kassenzulassung liegt.
@ Niels: Vermutlich ist dies auch von Facharzt zu Facharzt verschieden: Ein Allgemeinmediziner macht schneller Gewinn, als ein Radiologe, der erst noch sein MRT abstottern muss.
Bei Ärzten, die kaum Privatpatienten haben, geht es über schnelle Abfertigung, solange das Budget reicht. Und es gibt ja auch nicht wenige Praxen die Existenzprobleme haben.
Die Sorge “BMW oder Mercedes” trifft meiner Erfahrung nach v.a. auf ältere Generationen von Ärzten und auf die, die in gut laufende Praxen sich einkaufen können, zu.
@ annonuem: Stimmt. Zumindest mir ging es aber so, dass ich (auch wenn ich den Mehrpreis für Privatpatienten rausrechne) überrascht war, wie teuer medizinische Leistungen sind.
@ Rode: Genau! Und: Tolles Zitat!
Moin,
kann Afime und Rode nur Recht geben. Die Gesetze der Marktwirtschaft sind in unserem Kv-system in der jetzigen Gestaltung ein regulierender Faktor der durchaus positive Aspekte mit sich bringt.
Allerdings ist der Markt Krankheit für ein marktwirtschaftliches System völlig ungeeignet. Hier nur zwei Denkanstöße, die ich noch aus der Gesundheitsökonomievorlesung der eher marktwirtschaftlichen Kieler VWL zusammenbekomme.
- Die PKV ist nur in der Lage Afimes hohe Rechnungen zu begleichen, da Sie sowohl Kranke nicht aufnimmt als auch Geringverdiener ausschließt. In einem freien Markt wäre beides untersagt. Würde Sie dieses nicht tun dürfen, würden es im Gesamtsystem die Konsequenz haben, dass Leistungen und Beitragssätze mit denen des Kassensystems konvergieren, wobei dem System insgesamt mehr Geld zur Verfügung stände, da Vielverdiener GKV-sätze zahlen müssten. Es gäbe also eine bessere Gesamtversorgung, auch mit innovativen S Klassen.
- Ärzte unterliegen nicht den eigentlichen Kontrollmechanismen der Märkte, da ihre Leistungen von den meisten Patienten nicht beurteilt werden können. Der Patient hat kein Wahlrecht, der Privatpatient z.B. wird immer die S Klasse bekommen, er kann gar nicht beurteilen, ob er Sie bracht oder nicht. Es ist deshalb auch völlig egal, ob der Kassenpatient eine Rechnung bekommt oder nicht. Es wird nie die Situation geben, in der der normale Patient sagt: „Das MRT mache ich nicht, da ihre unbestätigte Diagnose Blödsinn ist.“ Oder: “Das Medikament nehme ich nicht, schließlich geht die Erkältung von selbst weg.“ Ärzte können also ihre Nachfrage selbst schaffen und je nach System fällt diese sehr unterschiedlich aus. Beispiel: Deutschland 2006 durchschnittlich ~11 Arztbesuche pro Patient, Norwegen 2006 ~3. Norwegen hat eine Unterversorgen an Ärzten und trotzdem eine höhere durchschnittliche Lebenserwartung als Deutschland.
P.s. Meine Erfahrung zum Thema Privatpatient. Wartezeit Augenarzttermin als vermeidlicher Privatpatient: 2 Wochen. Nach Richtigstellung des Versicherungsverhältnisses im Telefonat: 9 Wochen. Werde meine Anwartschaft schön weiter Bezahlen. Gibt keinen Grund, nicht wieder in die PKV zu wechseln.
Bert: vermeintlich, nicht vermeidlich. Oder?
Man, ich möchte auch mal als Privatpatient bevorzugt werden. Hab soetwas noch nie erlebt, auch keine dubiosen Extra-Wartezimmer für Privatpatienten, trotzdem ich lange Jahre privat versichert war.
Du gehst zu den falschen Ärzten! Auf Nachfrage kann ich gern im Norden einige nennen.
@ Bert:
Kannst Du mir das noch mal erklären? Ich verstehe es nicht.
@Manon: genau
@Afime: o.k. Kurzes noch mal lang.
Die Privaten teilen ihre Kunden in Risikoklassen ein. Je nach Krankenvorgeschichte oder beruflichem Krankheitsrisiko steigen Beitragssätze extrem hoch an oder werden bestimmte Krankheitsrisiken aus der Versicherung ausgeschlossen. Die Beitragssätze sind für die Betroffenen danach völlig unattraktiv und sie bleiben in der GKV. Das Versicherungsrisiko der PKV ist damit weitaus günstiger als das der GKV.
Des weiteren darf sich kein Nichtselbständiger oder jemand mit einem Einkommen von unter 47.700€ privat versichern (mit bestimmten Berufsgruppen als Ausnahme). Auch das führt zu einem besseren Versicherungsrisiko der PKV, da diese Personengruppen in der Regel sehr viel geringere Krankenstände haben als die Durchschnittsbevölkerung.
Die PKV versichert also nur Personen mit einem unterdurchschnittlichen Krankheitsrisiko. Würden die Privaten alle Risikogruppen zu gleichen Sätzen aufnehmen müssen, würden sie entweder ihre Leistungen kürzen oder ihre Beiträge anheben müssen, da Sie bedeutend mehr Versicherungsleistungen auszahlen müsste. Die GKV könnte wiederum mit den jetzigen PKV Patienten ihre Beiträge senken oder ihre Leistungen erweitern oder besser bezahlen.
Zudem zahlt ein durchschnittlicher PKV Versicherter weniger in der PKV als er in der GKV zahlen müsste.
Beispiel für einen Angestellten mit 47.800€ im Jahr:
Kosten PKV 450€ im Monat = 5.400€ im Jahr
47.800€ x 14% (Arbeitgeber und Arbeitnehmeranteil) = 6.692 Jahr.
Die Argumentation, dass die PKV Patienten das System durch ihre Beiträge stützen, ist ziemlicher Blödsinn. Insgesamt stellen sich PKV Patienten im Durchschnitt besser, da Sie in ihrem Lebenslauf zumeist weniger in das PKV System einzahlen, als sie in das GKV System einzahlen müssten. Würde man im jetzigen System alles bei Status Quo belassen und die PKV Versicherten in die GKV integrieren, wäre also mehr Geld für S Klassen da.
Hoffe es ist ein wenig klarer geworden.
Verstanden. Das grundsätzlich Problem, dass insgesamt zu wenig Geld im System ist, wäre aber doch auch mit einem einheitlichen GKV-System nicht gelöst: Denn der Arzt lebt doch weiterhin von meiner höheren Rechnung, die – soweit ich es Überblicke, ihm mehr Einnahmen bringt, als durch mich in das GKV-System käme.
Wäre es also nicht sinnvoller, das private System ganz zu öffnen und über Zuschüsse untere EInkommensschichten zu stützen?
M.W. müssen Private auch heute schon Kranke in einen Basistarif aufnehmen.
Nicht ganz. Der Arzt wird vom GKV System über Budgetvorgaben bezahlt. Würden alle PKV Patienten im GKV System sein, könnten diese Budgetvorgaben erheblich höher ausfallen. Wie ich oben schon bemerkte, würde der Arzt sogar mehr verdienen, da die PKV Patienten insgesammt mehr in das GKV System einbringen würden, als sie in das jetzige PKV System einbringen. Besser gestellt wären bei gleichem GKV Leistungskatalog sogar nur die Ärzte.
Steuerzuschüsse in einem Privatsystem wären nach m. M. ein sinnvoller Weg, um das Gesamtsystem effizienter zu gestallten. Allerdings müssten auch dann die Privaten auf die Risikoprüfung von Patienten verzichten und alle aufnehmen.
Private müssen Kranke seit letztem Jahr wieder in einen Basistarif aufnehmen, wenn sie schon vorher bei genau dieser Versicherung waren und nun ohne Versicherung sind. Z.B. Rentner die höhere Tarife der Privaten im Alter nicht mehr bezahlen konnten, aus der Versicherung ausgetreten waren und nun ohne Krankenversicherung sind. Wollten diese zurück in die Versicherung, musste sie vorher exorbitante Tarife zahlen. Dem Durchschnittskranken oder Alten bleiben auch diese Basistarife verschlossen.
Jetzt bin ich zufrieden. Danke.
@ Bert: Zeigt nicht Dein Norwegen/Deutschland-Beispiel, dass eigentlich der Kontakt mit Ärzten krank macht? Und wenn dem so ist, müssten GK-Versicherte doch eigentlich froh sein, denn Ärzte wollen sie nicht sehen. Ergo haben sie weniger Kontakt, ergo sind sie gesünder und leben länger.
Sollte dies statistsich nicht stimmen, möchte ich zu bedenken geben, dass ständiges Nörgeln über Ärzte auch krank machen kann und nur so die Statistik zuungunsten der GK-Versicherten ansteigt.
Grundsätzlich liegt das Glück daher GK-Versicherten, Golf Cabrio statt S-Klasse, auch was schönes, nee!
@Rode
Genau erfasst. Wie ich schon oben schrieb, der Markt ist nicht vorhanden, da sich die Anbieter ihre Nachfrage selbst erschaffen.