Archive for November, 2008

Renaissance der Leidenschaft?

Donnerstag, November 27th, 2008

Wolfgang Clements Austritt aus der SPD mag man bewerten, wie man möchte – sein Austritt war eine Überzeugungstat. Und darum bin ich begeistert! Überzeugungstäter gibt es in der Politik zu selten. Man sollte sie nicht mit Fanatikern und Irren verwechseln. Als politischen Überzeugungstäter würde ich den bezeichnen, der mit Leidenschaft und unter Inkaufnahme persönlicher Nachteile für seine Überzeugungen eintritt. Eine Rarität in der gemäßigt-unemotionalen und phantasielos-ideologietreuen politischen Landschaft des Jahres 2008.

Dabei verwenden Medien das Attribut “leidenschaftlich” geradezu inflationär. Vom Dorfbürgermeister bis zum Parteisekretär wird fast jeder Politiker mindestens einmal in seinem Leben als “Politiker aus Leidenschaft” betitelt. Bei näherem Hinsehen entpuppt sich die Leidenschaft meist als leidenschaftliches Festhalten an Ämtern und hochengagiertes Planen der eigenen Karriere. Nebenbei: Ein Rück- oder Austritt sollte nicht das einzige Ventil für Leidenschaft sein. Eine leidenschaftliche Diskussion im Bundestag würde mir persönlich vollkommen genügen!

Gespenstisches Schweigen II oder: Wird Homophobie gesellschaftsfähig?

Mittwoch, November 26th, 2008

In Berlin darf eine Veranstaltung, die Vorurteile gegenüber Homosexuellen abbauen soll, nicht in Stadtteilen mit hohem Migrantenanteil stattfinden. Der Grund: Türkische Jugendliche sollen nicht provoziert werden. Der Berliner Senat versteht das und die Zeitungen schweigen.

“Berlin gilt als attraktive Metropole für Homosexuelle, aber die Realität sieht zunehmend anders aus. Die jüngsten Übergriffe, bei denen Schwule oder Lesben ohne jeden Grund krankenhausreif ttgeschlagen wurden, machen uns Homosexuellen Angst – und immer häufiger haben die Täter Migrationshintergrund. In meinem Freundeskreis wird bereits diskutiert, ob man in der Öffentlichkeit noch Händchen halten oder sich einen Abschiedskuss geben kann.

Ich finde das erschreckend und inakzeptabel und bin nicht bereit das Zurückdrängen unserer Werte- und Ordnungsvorstellungen sowie das Entstehen von Parallelgesellschaften zu akzeptieren. Ich bin nicht bereit die Errungenschaften der letzten Jahrzehnte einem angeblichen Multikulturalismus zu opfern…..“

- schreibt Sascha Steuer im Tagesspiegel.

Er ist bildungspolitischer Sprecher der CDU-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus. Steuer schreibt weiter: (weiterlesen…)

Gespenstisches Schweigen I oder: Ist Antisemistismus als "Volkszorn" wieder okay?

Mittwoch, November 26th, 2008

Am 12. November verwüsten Jugendliche eine Ausstellung über jüdische Unternehmen in der Berliner Humboldt Universität. Die Medien schweigen oder zeigen Verständnis und beschwichtigen.

„Das ist schon irre“, sagt Paul begeistert. „Da gehe ich jeden Tag vorbei und habe nichts davon gewusst.“

Wovon redet er? Paul gehört zu einer Gruppe von Schülern, die eine Ausstellung in der Humboldt-Universität besuchen. Unter dem Titel „Verraten und verkauft – Jüdische Unternehmen in Berlin 1933-1945“ werden hier die Geschichten jüdischer Unternehmerfamilien mit Hilfe von Bild- und Textdokumenten nacherzählt.

Paul ist nicht zum ersten Mal hier: 12. November stürmten Jugendliche die Berliner Humboldt-Universität und verwüsteten die Ausstellung. Paul war dabei. Warum die Schüler das taten, darüber gehen die Meinungen auseinander. Christoph Markschies, Präsident der HU, geht von einer geplanten antisemitischen Aktion aus. Innensenator Körting möchte das Geschehen nach eigenen Angaben nicht verharmlosen, sieht aber keinen Anhaltspunkt für eine gezielte Aktion.

Die taz sieht den Vorfall so: (weiterlesen…)

Verliebt in eine Website

Dienstag, November 25th, 2008

Es gibt wenige Seiten im Netz, die einfach schön sind. Und informativ. Die nicht aussehen wie alle anderen Webseiten und trotzdem nicht gewollt originell sind. Die keine glitzernden Flashfilmchen und Intros haben. Eben Seiten, die einfach schön sind.

Die Seite Digitalmash ist eine Ausnahme. Sie ist unaufgeregt modern und trotzdem zeitlos. Klarer Aufbau, angemessene Farben, perfekte Schriftgrößen, geniale Bilder und unglaublich gute Arbeitsbeispiele.

Ich bin verliebt in eine Internetseite.

(gefunden bei Pixelgangster)

Be a man, man!

Dienstag, November 25th, 2008

Die Mancademy besteht bereits seit anfang der 90er Jahre. Damals allerdings noch in einem sehr viel bescheideneren Rahmen. Durch die dramatisch voranschreitende Feminisierung der Gesellschaft hat man sich dazu entschieden, sich der breiten Öffentlichkeit zuzuwenden. Dank der tatkräftigen finanziellen unterstützungen eines Sponsors, dem der Erhalt der männlichen Spezies auch sehr am Herzen liegt, startet die Mancademy mit dem Wintersemester 2008/2009 ihr Lehrprogramm in Deutschland.

Männliche Werbeidee!

[audio:http://mancademy.de/mancademy_song.mp3]

Versöhnung sieht anders aus

Montag, November 24th, 2008

Christian Klar kommt frei. Das OLG Stuttgart sieht keine “fortdauernde Gefährlichkeit” mehr.

Ich glaube: Mit dieser Begründung hätte er auch schon 1998 – als festgelegt wurde, er dürfe wegen der besonderen schwere der Tat frühestens nach 26 Jahren entlassen werden – frei kommen können. Wahrscheinlich wäre er auch damals nicht mehr “rückfällig” geworden.

Straft der Staat aber wirklich nur, um Bürger vor Wiederholungstätern zu schützen? Hoffentlich nicht. Denn diese Logik müsste unsere Rechtsprechung verändern: Die “Schwere” der Tat würde irrelevant und dafür die Wiederholungswahrscheinlichkeit das Kriterium der Haftstrafe. Überspitzt gesagt: Die Frau, die ihren Mann erschlägt, der sie jahrelang schlecht behandelt hat, kann frei bleiben, die Lippenstiftdiebin bekäme lebenslänglich.

Strafe ist aber mehr: Sie soll den Täter “entschulden”. Was er getan hat, soll nicht mehr zwischen ihm und der Gesellschaft stehen. Das fordert der Gesellschaft viel ab, das fordert auch dem Verbrecher viel ab.

Im Fall Christian Klar bin ich überzeugt: Versöhnung zwischen ihm, dem neunfachen Mörder und Bekämpfer des freheitlich-demokratischen Staates, und der Gesellschaft gibt es noch nicht, der Strafgrund ist noch nicht überwunden.

Siehe dazu bei Libertas Cara auch hier, hier und hier. Außerdem: opponent.de

Unvergesslich

Sonntag, November 23rd, 2008

Noch nie war es so einfach, besondere Momente bildlich festzuhalten: Die digitale Technik erlaubt nahezu unbegrenztes Abdrücken des Auslösers und mit einer Mail lässt sich das geschossene Foto an alle Freunde und die ganze Familie verschicken.

Doch – so ist es immer – die Masse der Bilder und Texte entwertet das einzelne Foto, den einzelnen Brief: Mit der wachsenden Möglichkeit sich zu erinnern, sinkt die tatsächliche Fähigkeit dazu. Die Zeit erscheint schnelllebiger und vergesslicher. Besonders schmerzhaft wird das empfunden, wenn ein geliebter Mensch verstorben ist und wenn man merkt: Meine Erinnerung an ihn beginnt zu verblassen.

Gut ist es, wenn es Tage gibt, an denen die Schnelllebigkeit unterbrochen wird. Der Sonntag vor dem 1. Advent ist solch ein Tag. Er wird als „Totensonntag” oder „Ewigkeitssonntag” bezeichnet. Beide Namen heben einen anderen Aspekt dieses Feiertags hervor.

„Totensonntag” heißt: Es ist ein Tag der Erinnerung an die Menschen, die uns besonders nahe standen. Im Gottesdienst, mit einem Besuch am Grab oder beim Anschauen von Erinnerungsstücken ist Zeit, sich die gemeinsam erlebten Momente noch einmal ins Gedächtnis zu rufen.

„Ewigkeitssonntag” heißt: Auch wenn wir vergesslich sind, Bilder gelöscht haben und unsere Erinnerung verblasst, Gott ist es nicht. Bei ihm wird jeder Mensch erinnert, wird jeder Moment zu einem unvergesslichen. Bei Gott geht kein Mensch verloren.

Auch unser Staat weiß, wie wichtig so ein Tag der Erinnerung ist. Deshalb hat er diesen Sonntag besonders geschützt. Alle Veranstaltungen, „die dem ernsten Charakter des Tages nicht entsprechen”, sind untersagt. Wir können innehalten und uns erinnern, damit auch dieser Tag unvergesslich wird, ganz ohne Mails und ohne Fotos.

Der Beitrag erschien als Wort zum Sonntag zmEwigkeitssonntag in den heutigen Lübecker Nachrichten.

Gruner + Jahr

Samstag, November 22nd, 2008

Lesen Sie das Blog von Klaus Schweinsberg? Falls nicht: Hier noch einmal eine Leseempfehlung: Arm dran, wer kein Versager ist.

Ich nehme den Link zum Anlass, etwas zur Umstrukturierung beim Verlagshaus Gruner + Jahr zu schreiben: Klaus Schweinsberg verlässt ja G+J zum Februar 2009. Kurz darauf werden die Wirtschaftsredaktionen von Capital, impulse, börse online und der FTD zusammengelegt, nur in Hamburg bleibt eine Zentralredaktion erhalten.

Abgesehen davon, dass ich glaube, dass Verlage am eigenen Ast sägen, wenn sie ausgerechnet ihre Kernkompetenz – das journalistische Wissen und Können und die Profilierung ihrer Magazine und Zeitungen – aufgeben, finde ich das Vorgehen von Gruner + Jahr, so wie es in der Presse beschrieben wurde, unanständig: Die Redakteure der Wirtschaftsmagazine in Köln und München werden betriebsbedingt gekündigt und haben dann die Möglichkeit, sich auf neu geschaffene Stellen in der Zentralredaktion zu schlechteren Bedingungen zu bewerben.

Die betriebsbedingte Kündigung ist eine Farce, wenn gleichzeitig neue Stellen im gleichen Bereich geschaffen werden. Dieser Trick zu Lasten der Arbeitnehmer wiegt in dieser Branche – dem Verlagswesen – schwerer, als in anderen Bereichen der Wirtschaft. Denn Zeitungen verkaufen auch Glaubwürdigkeit und Moral. Beides scheint Gruner + Jahr vergessen zu haben. Ob der Weggang von Schweinsberg etwas mit dieses Entscheidungen des Verlags zu tun hat, ist nicht bekannt. Sympathisch und glaubhaft fände ich es.

Dazu auch: Thomas Matterne

Endlich, Frau von der Leyen!

Donnerstag, November 20th, 2008

Von der Leyen handelt: Internet-Seiten mit Kinderpornografie sollen in Deutschland von spätestens Sommer 2009 an gesetzlich verboten werden, meldet die Netzeitung.

Wie bringt man jetzt angemessen sein Erstaunen, ja Entsetzen darüber zum Ausdruck, dass diese Seiten bisher nicht verboten waren, dass Provider diese Seiten nicht sperren mussten? Wenn das technisch möglich war, warum dann nicht? Was ist das für ein Verständnis von Liberalität? Oder war es einfach Blödheit?

Was ist das bloß für eine Welt…

Der wütende alte Mann

Donnerstag, November 20th, 2008

„Ich bin ein älterer Mensch. Ich brauche keine Kräche.” behauptet Marcel Reich-Ranicki – und trennt sich vom Suhrkampverlag, nur wenige Wochen nach dem Eklat um seine Ablehnung des Deutschen Fernsehpreises und seiner Beleidigung der Sendung von Elke Heidenreich.

Uns fehlen eigentlich Menschen, die auch einmal wütend werden in Politik und Fernsehen; die sich für ihre Überzeugungen engagieren, in Rage reden können. Wut muss aber echt sein. Reich-Ranickis Wut ist nur eine Darstellung seiner Eitelkeit.

Er hätte sonst nicht gegen Elke Heidenreich polemisiert, er hätte sonst – nach den vergangenen Wochen – nicht behauptet, dass er keinen Krach brauche und v.a. hätte er sich seinen unsäglichen Auftritt beim Deutschen Fernsehpreis gespart.

Er habe nicht gewusst, was ihn hier erwarte, war damals die Entschuldigung dafür, dass er erst auf der Bühne den Preis ablehnte. Dabei bot der Abend das, was Abende dieser Art immer geboten haben und hoffentlich immer bieten werden: Seichte Unterhaltung für alle Altersgruppen.

Das, worüber man im deutschen Fernsehen wütend werden kann – bloßstellende Talkshows, entwürdigende Adventuregames, Knebelverträge, die Menschen, die dies nicht immer überblicken der Lächerlichkeit Preis geben – das alles bot der Deutsche Fernsehpreis nicht.

Die Behauptung, früher wäre das Fernsehen insgesamt anspruchvoller gewesen ist bestenfalls der verklärte Blick eines alten Mannes. Denn wer will behaupten, dass die 70er Jahre Klamaukserien anspruchsvoll waren, dass Volksmusik ein Relikt kultureller Hoch-Zeiten sei, dass die Abendshows – ob Dalli Dalli, ob Nase vorn! – je “Niveau” hatten?

Wahrscheinlich ging es darum auch gar nicht. Wahrscheinlich war es nur eine günstige Gelegenheit für einen wütenden alten Mann im Rampenlist zu stehen. Und Krach zu suchen.