Eleven-Nine

“Liebe Schwestern und Brüder, wir müssen an dieser Stelle einen Moment innehalten. Wir sind zu diesem Kongress* an einem bemerkenswerten Datum zusammengekommen, das wir nicht einfach übergehen können. Wir schreiben heute den 9. November. Und so wie sich unseren amerikanischen Freunden der 11.9. („nine-eleven“) für immer in das gemeinsame Gedächtnis eingegraben hat, so hat sich für uns das umgekehrte Datum, der 9.11. („eleven-nine“) in Kopf und Herz eingeschrieben. So wie die Vereinigten Staaten nach diesem furchtbaren Angriff auf das World Trade Centre und das Pentagon-Gebäude nicht mehr dieselben sind wie vorher, so können wir als Deutsche dieses Datum nicht überspringen. [...]

Auf den 9. November versammelt sich Stoff für mehrere Geschichtsbücher. Am 9. November 1918 wurde die Republik ausgerufen, 1923 marschierte Hitler zur Feldherrenhalle. Am 9. November 1938 brannten in unserem Land die Synagogen, auch die in meiner Heimatstadt Bielefeld, und ich kann bis heute nicht verstehen, warum in meiner Schule davon nicht einmal die Rede war, obwohl sie nur drei oder vier Straßen vom Standort dieser Synagoge entfernt lag. Und am 9. November 1989 fiel nach mehr als 38 Jahren die Berliner Mauer. An diesem „antifaschistischen Schutzwall“ sind etwa 200 Menschen ums Leben gekommen, die nichts anderes suchten als Freiheit. Als sie sie hatten, tanzten die Menschen auf der Mauer, die sie so lange voneinander getrennt hatte. [...]

Also: Einige der schlimmsten Stunden unseres Volkes und einige der besten Stunden unseres Volkes versammeln sich auf diesem 9. November. Und die schlimmsten wie die besten Stunden unseres Volkes hatten zu tun mit deutschen Diktaturen, mit der Unterdrückung von Freiheit, mit Untertanengeist, aber auch mit Zivilcourage.

Was hat das mit unserem schönen Kongress zu tun? Nun, zweierlei: Wir können hier nicht als Christen zusammenkommen, ohne uns mit den Menschen in unserem Land zu erinnern und für unser Land zu beten. Und: Wir können nicht daran vorbeisehen, dass wir als Deutsche eine tief begründete und hoffentlich fest verankerte Skepsis gegenüber entmündigender Führung behalten. Wir wissen um die Versuchung, der Führer unterliegen können wie Geführte. Wir haben einen Sinn dafür, dass starke Führung Menschen stark machen muss, wenn sie gesunde Führung sein will.

Und damit sind wir schon auf der Spur unseres Herrn: Jesu Art, seine Jünger zu führen, war auf Stärke ausgerichtet. Er hat sie so geführt, dass er sie senden konnte, zu predigen und zu heilen, Menschen zu sammeln und wiederum ihrerseits zu senden. Es ist eine geistliche Kette von Führung und Aussendung, die bis zu uns heute reicht. Wenn Jesus führt, werden Menschen stark. Sie sagen so eigenwillig übermütige Dinge wie: „Ich vermag alles!“ Sie beeilen sich aber hinzuzufügen „durch den, der mich mächtig macht, Christus“.

So macht Jesus stark, freilich für die Absichten, die er in dieser Welt verfolgt: und das ist vor allem seine Sendung, verlorene Menschen zu gewinnen. Kurzum: Geistliche Führung in unserem Land hat ein Kriterium, wenn wir aus unserer Geschichte heraus Buße tun und lernen: Sie macht keine Untertanen, sondern mündige Menschen, die an Hand der Heiligen Schrift prüfen können, was gut ist und was nicht. Sie macht keine hilflosen Menschen, sondern Menschen, die etwas ausstrahlen von der Kraft ihres Herrn.”

* Der Auszug entstammt der Begrüßungsansprache von Prof. Michael Herbst (pdf) zum Willow Creek – Leitungskongress vom 9.11.2006 in Bremen. Mag man zu Willow Creek stehen wie man will, mag die Frage nach der geistlichen Führung nur für Pastorinnen und Pastoren interessant sein – ich finde diesen Auszug hervorragend und treffend, gerade auch noch heute, am 70. Gedenktag der Reichspogromnacht.

5 Kommentare zu “Eleven-Nine”

  1. Niels sagt:

    Wandelst Du auf Abwegen? ;-)

  2. Afime sagt:

    Nur ein kurzer Abstecher und nur im Internet und nur für diesen Text. :-)

  3. SG sagt:

    Kleine Bemerkung am Rande: Die Berliner Mauer stand nicht 38, sondern “nur” 28 Jahre, von 1961 bis 1989.

  4. Afime sagt:

    Stimmt, danke! Da es ein Zitat ist, lass ich es aber so falsch stehen.

  5. derandy sagt:

    Irgendwas Dämonisches haben die zwei Zahlen doch.

    Miriam Makeba, die große afrikanische Musikerin, verstirbt genau Eleven-Nine, nämlich am 9. November 2008.

    Was die Amerikaner 11/09/08 schreiben, lesen wir als 11. September.

    So wirklich abergläubisch bin ich ja nicht von Natur aus, aber wer weiß was es da alles zwischen Himmel und Erde so gibt …

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