Ein unbedingt lesenswerter Artikel von Bernard-Henri Lévy zum Krieg in Gaza findet sich in der heutigen FAZ.
Zwei Ausschnitte:
„Nichts rechtfertigt den Tod eines Kindes“, sagt Asaf, der Anfang dreißig ist, in New York ein Restaurant hat und seinen Reservedienst als Pilot eines Cobra-Hubschraubers versieht. „Wenn ich sehe, dass ich bei meinem Einsatz statt eines militärischen Ziels auch Zivilisten treffen könnte, breche ich die Mission ab und kehre zum Stützpunkt zurück.“
Ich habe Asaf aufgefordert zu beweisen, was er da sagt. So kommt es, dass ich mich in Palmachim wiederfinde, dem Allerheiligsten der israelischen Militärtechnologie. Hier wurden die Antiraketenraketen Arrow getestet. Nun sehe ich hier Asafs Bordvideoaufnahmen. Ich höre seinen Funkverkehr vom 3. Januar, in dem man ihm befiehlt umzukehren, weil sein Ziel, der Terrorist, von einem Kind begleitet wird. Ich sehe vier dieser unglaublichen Filme, auf denen bereits abgefeuerte Raketen auf ein braches Feld umgelenkt werden, weil im letzten Moment ein Zivilist im Bildschirm erscheint oder das anvisierte Auto in die Tiefgarage eines Hauses fährt, dessen Bewohner nicht gewarnt wurden.
Ich ahne, dass nicht alle dieselben Skrupel haben wie Asaf, wie soll man sonst die viel zu zahlreichen und völlig unakzeptablen Blutbäder erklären? Aber dass es in den israelischen Streitkräften einen Asaf gibt und dass deren Richtlinien seine Haltung eher stützen, dass Asaf nicht die Ausnahme, sondern die Regel ist, darauf hinzuweisen ist wichtig, weil es dem Klischee zuwiderläuft, nach dem diese Armee ein Haufen von Schlägertypen sei, die nur auf Frauen und Greise losgehen.
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Ein anderes Gerücht, dessen Unwahrheit ich selbst sehen konnte, war das von der humanitären Blockade. Ich erwähne jetzt nicht das Beispiel des Shiba-Krankenhauses in Tel Aviv, in dem siebzig Prozent der Patienten Palästinenser sind, wie mir der stellvertretende Leiter Raphi Walden sagt. Ich gehe nicht auf die Fälle der von der israelischen Armee versehentlich beschossenen Krankenwagen ein, die von dem Gesundheitsministerium der Hamas daran gehindert wurden, ins Soroka-Krankenhaus nach Beer Sheba zu fahren. Die entscheidende Information erhalte ich am 14. Januar am Kontrollpunkt von Kerem Shalom, im Süden des Gazastreifens. Jeden Tag passieren ihn Hunderte Lastwagen, genau beobachtet von Vertretern der Nichtregierungsorganisationen: Mehl, Medikamente, Babynahrung, Decken.
Nichts, niemand, schon gar nicht ein humanitäres Pflaster kann das Leid einer Familie lindern, in der jemand ums Leben kam. Aber die Fakten sind die Fakten: Mehr als zwanzigtausend Tonnen sind unter der Schirmherrschaft der Unicef oder des World Food Program nach Gaza geliefert worden, seit der Militäreinsatz begann. Oberst Jehuda Wintraub, in einem anderen Leben Autor einer Dissertation über Chrétien de Troyes und nun mit sechzig in der Koordination der Hilfe tätig, sagt es am treffendsten: „Der Krieg ist immer furchtbar, kriminell, tobt blindwütig. Warum muss man all seinen Greueln noch die Lüge hinzufügen?“