Stellen Sie sich vor, in Bayern regierte die SPD. Undenkbar, nicht wahr? Vor sechs Jahren galt das Gleiche auch für die Landeshauptstadt Kiel, nur mit umgekehrten Vorzeichen: Die Sozialdemokraten stellten seit 1946 den Oberbürgermeister der schleswig-holsteinischen Landeshauptstadt. Dann wurde Gerhard Schröder Bundeskanzler, die Kieler SPD stellte einen blassen Kandidaten auf – und so gelang es der Kieler CDU, getragen von Protest und schwachem Gegner, zum ersten Mal das Amt des Oberbürgermeisters zu ergattern. Angelika Volquartz trat die Nachfolge von Norbert Gansel an.
Seit Sonntag nun ist diese kurze christdemokratische Episode in Kiel wieder Geschichte. Der Sozialdemokrat Torsten Albig, bisher Sprecher von Peer Steinbrück, bekam auf Anhieb über 50 % der Stimmen. Das ist nicht überraschend, auch wenn vom NDR über das Hamburger Abendblatt bis zur Bild dies konsequent behauptet wird:
Eine „Wahl mit Symbolkraft“ sollte es werden, so hatten es die Berliner CDU-Strategen frohgemut angekündigt. Die Oberbürgermeister-Wahl in Kiel – der „Auftakt in ein erfolgreiches Wahljahr…“
Und dann – Rummms! [...]
Plötzlich ist die Wahl im hohen Norden der Republik für die Berliner CDU-Führung nur noch ein lokales Ereignis. Kein Wort mehr davon, dass Verliererin Volquartz im Wahlkampf keine Gelegenheit ausließ, sich als enge Vertraute von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) zu präsentieren – und auf ihren täglichen SMS-Kontakt mit der Parteichefin zu verweisen.
Mag sein, dass Angelika Volquartz hoffte, einen kleinen Bonus durch die Sympathiewerte der Kanzlerin zu bekommen, eine Richtungswahl “CDU oder SPD” war die Abstimmung am Sonntag aber nie. Im Gegenteil: Zu keinem Zeitpunkt war im Wahlkampf zu erkennen, dass Angelika Volquartz die Spitzenkandidatin der CDU war: Die Partei tauchte auf keinem Plakat oder Flyer auf, selbst auf Wiedererkennungsmöglichkeiten wie die Parteifarbe Orange wurde verzichtet.
Offensichtlich bildete man sich ein, Angelika Volquartz sei ähnlich beliebt wie Angela Merkel. Wie man auf diese Idee gekommen ist, bleibt für mich ein Rätsel: Ich habe Angelika Volquartz bei den wenigen Gelegenheiten, bei denen ich überhaupt etwas von ihr mitbekommen habe, als wenig profiliert (z.B. beim Scheitern des Ausbaus der Kieler Flughafens, beim Taktieren zum Kohlekraftwerk) und mit wenig Strahlkraft erlebt. Ihre einzige Chance bestand darin, dass der sympathisch und gemäßigt auftretende Kandidat der Linken, Raju Sharma, den Sozialdemokraten in größerem Umfang hätte Stimmen klauen können. Er hat es nicht geschafft. Vermutlich auch deswegen nicht, weil die Wahrlbeiteiligung, die insgesamt bei 35% lag, in sozialen Brennpunkten noch unter die 20% Marke gesunken ist.
Kiel ist wieder rot. Hellrot. Die Welt ist wieder in Ordnung. Wirklich. Denn den kleinen Unterschied hat eh keiner gemerkt.