In dem beschaulichen Städtchen Rendsburg steht die größte Moschee Schleswig-Holsteins. An ihren Minaretten sollen nun Lautsprecher angebracht werden, damit der Muezzinruf auch die Gläubigen der Umgebung zum Gebet ruft. Grundsätzlich sei das kein Problem findet die Stadt Rendburg, nur ein Lärmgutachten müsse noch erstellt werden. Und ein Rendsburger Pastor ergänzt zustimmend: „Ich sage immer, dass wir ja auch die Kirchenglocken läuten.“
Beide Antworten – die der Stadt und die des Pastors – greifen zu kurz. Der Muezzinruf ist nicht einfach mit dem Glockengeläut zu vergleichen. Zum einen rufen Glocken nicht nur zu Gebet und Gottesdienst und sind schon von daher in ihrer Funktion zu unterscheiden. Zum anderen – und das unterscheidet das Glockenläuten vom Muezzinruf vor allem – ist der Ruf des Muezzins nicht nur die Einladung zum Gebet sondern selbst schon eines. Ins Deutsche übersetzt ertönt bis zu fünf mal täglich:
Allah ist größer. Allah ist größer. Allah ist größer. Allah ist größer.
Ich bezeuge, dass es keinen Gott gibt außer Allah. Ich bezeuge, dass es keinen Gott gibt außer Allah.
Ich bezeuge, dass Muhammad der Gesandte Allahs ist. Ich bezeuge, dass Muhammad der Gesandte Allahs ist.
Auf zum Gebet! Auf zum Gebet!
Auf zum Heil! Auf zum Heil!
Gott ist größer! Gott ist größer!
Es gibt keinen Gott außer Allah.
Ich bin gewiss nicht der Ansicht, dass Religion nur noch im Privaten zu erdulden sei. Deshalb kann es hier auch nicht um ein Verbot durch die Stadt Rendburg gehen.
Doch kann auch die Politik sich über die reine Dezibel-Messung hinaus mit der Frage beschäftigen, ob ein Gebetsruf in Arabischer Sprache, der über Lautsprecher mehrfach täglich im ganzen Stadtteil zu hören sein wird, die Entwicklung des Stadtteils nicht schon durch diese Form massiv beeinflusst. Die Möglichkeiten der Stadt, sich mit dem Moscheevorstand abzustimmen, wären vielfältig: Es könnte gefordert werden, dass der Ruf auf Deutsch gesprochen wird. Es könnte eruiert werden, ob der Ruf über Lautsprecher ertönen müsste. Da ginge einiges.
Den Pastor würde ich gerne fragen, ob er einem täglichen Gebetsruf der Zeugen Jehovas oder meinetwegen auch Scientology genauso undifferenziert gegenüber stünde. Ich vermute, er würde es in diesen Fällen wagen, Einwände zu erheben. Ich kann mir vorstellen, dass er befürchtet, intolerant zu sein, wenn er den Muezzinruf aus theologischen Gründen hinterfragt.
Eine inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Islam würde ihn aber genauso wenig zu einem intoleranten Menschen machen, wie es die Auseinandersetzung mit anderen Glaubensgemeinschaften macht: Die Kritik an einer Religion ist zu unterscheiden davon, dass ihren Mitgliedern Respekt und Toleranz entgegengebracht wird. Anders ausgedrückt: Ich kann den Islam insgesamt für gefährlich halten und trotzdem mit einem Muslim befreundet sein.
Die Diskussion um Islam, Moschee und Mezzinruf schwankt zu oft nur zwischen “Das gehört verboten!” oder “Das gehört überall erlaubt!”. Aber nicht jeder, der für den Bau einer Moschee eintritt, ist ein Vaterlandsverräter und nicht jeder, der ihn ablehnt, ein Ewiggestriger. Die gegenseitigen Vorwürfe schaden vor allem einem: Der wirklichen Integration von Muslimen. Und sie schaden der Diskussion selbst. Die aber muss geführt werden.