Ich lese gerade die folgenden Zeilen aus “Religion und Philosophie” und frage mich, ob wir im Jahr 2009 in einem ganz anderen kulturellen Zustand angekommen sind und es also wirklich keinen “Deutschen Donner” mehr geben wird, oder ob unser Frieden einer Tünche entspricht, die im Verlauf der Wirtschaftskrise, die uns ja erst noch erreichen wird, zu bröckeln beginnt.
Was meinen Sie?
Aber hier zunächst noch einmal der Text:
„Das Christentum – und das ist sein schönstes Verdienst – hat jene brutale germanische Kampflust einigermaßen besänftigt, konnte sie jedoch nicht zerstören, und wenn einst der zähmende Talisman, das Kreuz, zerbricht, dann rasselt wieder empor die Wildheit der alten Kämpfer, die unsinnige Berserkerwut(…) Der Gedanke geht der Tat voraus wie der Blitz dem Donner. Der deutsche Donner ist freilich auch ein Deutscher und ist nicht sehr gelenkig und kommt etwas langsam herangerollt; aber kommen wird er, und wenn ihr es einst krachen hört, wie es noch niemals in der Weltgeschichte gekracht hat, so wißt: der deutsche Donner hat endlich sein Ziel erreicht. Bei diesem Geräusche werden die Adler aus der Luft tot niederfallen, und die Löwen in den fernsten Wüsten Afrikas werden sich in ihre königlichen Höhlen verkriechen. Es wird ein Stück aufgeführt werden in Deutschland, wogegen die französische Revolution nur wie eine harmlose Idylle erscheinen möchte.“
(Heinrich Heine, Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland, 1834)
Ich frage mich, ob wir in einer Zeit leben, in der sich eine dramatische Sprache, wie diejenige Heines, von selbst erübrigt hat, weil eben nichts wirklich Dramatisches mehr geschieht, oder ob eben unser Frieden und Wohlstand viel weniger sicher und von Dauer sind, als wir glauben.

